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Der Brief, der kam

41 Jahre lag er in einem Postsack. Als er ankam, war der Absender längst gestorben.

Von Clara Neumann/8. März 2025

Der Umschlag war vergilbt, die Briefmarke zeigte achtzig Pfennig, und der Poststempel trug ein Datum aus dem Jahr 1983. Als Hannelore Ritter ihn im Frühjahr aus dem Briefkasten zog, hielt sie ihn zunächst für einen Werbescherz.

Der Brief war bei Umbauarbeiten in einem alten Postverteilzentrum gefunden worden, zusammen mit knapp vierzig weiteren Sendungen hinter einer Zwischenwand. Die Deutsche Post stellte alle Briefe zu, sofern die Adressen noch existierten.

Geschrieben hatte ihn ihr Vater, damals fünfundfünfzig Jahre alt, aus einer Kur im Schwarzwald. Vier Seiten in einer Handschrift, die sie sofort erkannte. Er berichtete vom Wetter, von einem Mitpatienten aus Bremen, von den Spaziergängen am Nachmittag.

Auf der letzten Seite stand ein Absatz, den sie seither auswendig kann. Er schrieb, dass er sich für den Streit im Winter entschuldigen wolle, dass er stolz auf sie sei und dass er das am Telefon nie richtig hinbekomme. Er unterschrieb mit „Dein Papa“.

Ihr Vater starb 1997. Die beiden hatten sich lange vor seinem Tod wieder versöhnt, ohne je über jenen Winter zu sprechen. „Ich habe gedacht, ich weiß alles, was er mir sagen wollte“, erzählt sie. „Und dann kommt vierzig Jahre später die Post.“

Der Brief liegt heute in einer Schublade im Wohnzimmerschrank, zusammen mit dem Umschlag. Manchmal, sagt sie, nehme sie ihn heraus und lese nur die Anrede.

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