Die Frau, die den Bahnhof bepflanzte
Zwölf Jahre lang goss Ingeborg Salzmann heimlich die Beete am Gleis 3. Dann wollte die Bahn sie stoppen.

Angefangen hat es mit einer Tüte Ringelblumensamen und einer schlechten Laune. Ingeborg Salzmann, damals sechsundsechzig, wartete auf einen verspäteten Regionalzug und starrte auf einen Streifen Kies, in dem nichts wuchs außer Zigarettenkippen.
Am nächsten Morgen kam sie mit einer Handschaufel wieder. Sie lockerte die oberste Schicht, streute die Samen aus und goss sie mit Wasser aus einer Plastikflasche. Sechs Wochen später blühte der Streifen orange.
Daraus wurden zwölf Jahre. Lavendel, Kapuzinerkresse, Sonnenblumen, im Herbst Krokuszwiebeln für das Frühjahr. Sie kam dreimal die Woche, immer vormittags, immer mit zwei Fünf-Liter-Kanistern im Einkaufstrolley.
Die Pendler kannten sie irgendwann alle. Jemand stellte eine Gießkanne hinter den Fahrkartenautomaten, ein Kioskbesitzer ließ sie Wasser zapfen. Der Bahnsteig bekam einen Ruf, der bis in die Nachbarstädte reichte.
2019 kam ein Schreiben: unbefugte Bepflanzung im Gleisbereich, Sicherheitsbedenken, Aufforderung zur Unterlassung. Die Lokalzeitung druckte den Brief ab, eine Unterschriftenliste sammelte in elf Tagen über viertausend Namen.
Am Ende einigte man sich auf eine offizielle Patenschaft, festgelegte Beete in sicherem Abstand zur Bahnsteigkante und eine Warnweste, die sie bis heute trägt, wenn sie gießt.
„Die Weste ist mir zu groß”, sagt Ingeborg Salzmann, inzwischen achtundsiebzig. „Aber die Beete sind größer geworden. Das ist ein guter Tausch.”